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Heilpflanze

Johanniskraut

Hypericum perforatum

Johanniskraut ist die Sonnenpflanze der europäischen Heilkunde. In klinischen Studien bei leichten bis mittelschweren Depressionen ebenso wirksam wie synthetische Antidepressiva, dabei mit deutlich weniger Nebenwirkungen.

Familie

Johanniskrautgewächse (Hypericaceae)

Eigenschaften

stimmungsaufhellend, antidepressiv, wundheilend

Botanische Illustration Johanniskraut (Hypericum perforatum) – Heilpflanze bei depressive verstimmung und einschlafprobleme
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Ernte & Mondphasen

Johanniskrautblüten traditionell um die Sommersonnenwende (24. Juni, Johannistag) bei zunehmendem Mond ernten. Am Johannistag selbst soll die Heilkraft am stärksten sein – ein uralter Bezug zur Sonnenwende.

Zunehmender Mond bis Vollmond, Blütetag

01 Einleitung

Es gibt Pflanzen, die ihr ganzes Wesen in eine einzige Geste legen – beim Johanniskraut ist es das Hinwenden zur Sonne. Kein anderes Heilkraut Europas ist so eng mit dem Licht verbunden: Es blüht zur Sommersonnenwende, wenn die Tage am längsten sind, seine durchscheinenden Blätter wirken wie kleine Fenster, und sein berühmtes Rotöl fängt die Sonnenkraft buchstäblich in der Flasche ein. Diese Pflanze ist gewordenes Licht – und sie bringt Licht in verdunkelte Gemüter.

Was bis in die 1980er Jahre als Volksglauben galt, ist heute eines der am besten erforschten Phytopharmaka weltweit: Johanniskraut-Extrakt wirkt bei leichten bis mittelschweren Depressionen so zuverlässig wie synthetische SSRI-Antidepressiva – belegt durch Dutzende randomisierte Doppelblindstudien und eine Cochrane-Metaanalyse. Gleichzeitig ist es eine der wenigen Heilpflanzen, bei denen klinisch relevante Wechselwirkungen mit Medikamenten auftreten. Johanniskraut ist kein harmloses Kräutlein, sondern ein ernstzunehmendes Arzneimittel, das mit Respekt und Sachkenntnis eingesetzt werden muss.

02 Botanische Merkmale

Das Echte Johanniskraut ist eine ausdauernde, krautige Pflanze, die 30–80 cm hoch wird. Der aufrechte Stängel ist durch zwei gegenüberliegende Längsleisten charakteristisch zweikantig – ein zuverlässiges Erkennungsmerkmal gegenüber anderen Hypericum-Arten.

Blätter: Gegenständig, eiförmig bis länglich, sitzend (ohne Stiel). Das wichtigste Erkennungsmerkmal: Hält man ein Blatt gegen das Licht, erscheinen zahlreiche winzige helle Punkte – die „Perforationen”, die dem Artbeinamen „perforatum” den Namen gaben. Es handelt sich um schizogene Ölbehälter, die mit ätherischem Öl gefüllt sind. Am Blattrand finden sich zusätzlich dunkle Punkte – das sind Drüsen, die Hypericin enthalten.

Blüten: Goldgelbe, fünfzählige Blüten in endständigen, trugdoldigen Rispen. Die Kronblätter sind asymmetrisch und am Rand mit schwarzen Drüsenpunkten besetzt. Zerreibt man eine Blüte zwischen den Fingern, färben sich diese blutrot – das austretende Hypericin. Dieses „Herrgottsblut” gab der Pflanze ihren mystischen Nimbus.

Blütezeit: Juni bis September, Hauptblüte um den Johannistag (24. Juni).

Verwechslungsgefahr: Andere Johanniskraut-Arten (z. B. Hypericum maculatum, H. hirsutum) haben runde oder vierkantige Stängel und keine durchscheinenden Blattdrüsen. Nur H. perforatum hat die Kombination zweikantiger Stängel + perforierte Blätter.

03 Standort & Verbreitung

Das Echte Johanniskraut ist in ganz Europa, Westasien und Nordafrika heimisch und wurde als Neophyt nach Nordamerika, Südamerika, Australien und Neuseeland verschleppt, wo es teilweise als invasive Art gilt.

In Mitteleuropa wächst es häufig an sonnigen, trockenen Standorten: Wegränder, Böschungen, Bahndämme, trockene Wiesen, Waldlichtungen und Kahlschläge. Es bevorzugt mäßig trockene, basenreiche, eher magere Böden und ist ein typischer Pionier auf Brachflächen.

Anbau im Garten: Johanniskraut ist genügsam und pflegeleicht. Aussaat im Herbst oder zeitigen Frühjahr, Lichtkeimer. Bevorzugt durchlässigen, kalkhaltigen Boden in voller Sonne. Pflanzabstand 25–30 cm. Die Pflanze breitet sich über Ausläufer und Selbstaussaat aus.

04 Ernte & Sammlung

Erntezeit: Juni bis August, traditionell um den Johannistag (24. Juni) herum. Die Blütenknospen und frisch aufgeblühten Blüten enthalten die höchste Konzentration an Hypericin und Hyperforin.

Pflanzenteil: Die oberen 20–30 cm des blühenden Krauts (Blüten, Knospen, Blätter, obere Stängelteile). Für Rotöl ausschließlich die Blütenknospen und frisch geöffneten Blüten verwenden.

Trocknung: In lockeren Bündeln kopfüber aufhängen oder auf Gittern ausbreiten. Trocknung bei maximal 40 °C im Schatten. Das getrocknete Kraut hat einen leicht harzigen, aromatischen Geruch.

Rotöl-Ansatz (Frischpflanze): Für das berühmte Johanniskrautöl werden frische Blütenknospen am Tag der Ernte in Olivenöl eingelegt – nicht trocknen! Nur frische Blüten geben das Hypericin an das Öl ab.

Haltbarkeit: Getrocknetes Kraut 1–2 Jahre. Rotöl 1–2 Jahre im dunklen Glas, kühl gelagert.

05 Inhaltsstoffe

WirkstoffgruppeHauptvertreterGehalt
NaphthodianthroneHypericin, Pseudohypericin0,05–0,3 %
PhloroglucinderivateHyperforin, Adhyperforin2–4 %
FlavonoideRutin, Hyperosid, Quercitrin2–4 %
BiflavoneAmentoflavon, BiapigeninSpuren
Ätherisches Ölα-Pinen, Myrcen, Caryophyllen0,1–0,3 %
GerbstoffeProanthocyanidine6–15 %

Hyperforin gilt heute als der wichtigste antidepressive Wirkstoff. Es hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA und Glutamat – breiter als jedes synthetische Antidepressivum. Der Mechanismus: Hyperforin aktiviert den TRPC6-Ionenkanal in der präsynaptischen Membran, wodurch die Natrium-Konzentration in der Nervenzelle steigt und die Neurotransmitter-Transporter blockiert werden.

Hypericin ist der namensgebende rote Farbstoff und photosensibilisierende Wirkstoff. Es trägt zur antidepressiven Wirkung bei, ist aber vor allem für die Phototoxizität verantwortlich. In höheren Dosen kann es die Lichtempfindlichkeit der Haut deutlich erhöhen.

Flavonoide (besonders Amentoflavon) binden an Benzodiazepin-Rezeptoren und ergänzen die stimmungsaufhellende Wirkung um eine angstlösende Komponente.

06 Pharmakologie

Johanniskraut ist das am besten klinisch untersuchte pflanzliche Antidepressivum weltweit:

Antidepressiv: Eine Cochrane-Metaanalyse (Linde et al., 2008, aktualisiert 2015) von 35 klinischen Studien mit über 6000 Patienten zeigte: Bei leichten bis mittelschweren Depressionen ist Johanniskraut-Extrakt (900 mg/Tag, standardisiert auf 0,3 % Hypericin) ebenso wirksam wie SSRI (Fluoxetin, Sertralin, Paroxetin) – bei signifikant geringerer Nebenwirkungsrate. Die Ansprechrate lag bei 56–75 % (Placebo: 25–35 %).

Wirkmechanismus: Hyperforin hemmt die Wiederaufnahme von fünf Neurotransmittern gleichzeitig: Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA und Glutamat. Diese Breitbandwirkung erklärt möglicherweise die gute klinische Effektivität. Zusätzlich moduliert Hyperforin die Interleukin-6-Produktion und beeinflusst die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse.

Wundheilung: Äußerlich angewendet (als Rotöl) fördert Johanniskraut die Wundheilung durch antibakterielle Wirkung des Hyperforins, Entzündungshemmung durch Flavonoide und Förderung der Geweberegeneration. Das Rotöl wird traditionell bei Verbrennungen, Sonnenbrand und Nervenschmerzen eingesetzt.

Antiviral: Hypericin zeigt in vitro antivirale Aktivität gegen umhüllte Viren (Herpes simplex, HIV). Die klinische Relevanz ist jedoch aufgrund der notwendigen hohen Dosen begrenzt.

Wirkungseintritt: Wie bei synthetischen Antidepressiva dauert es 2–4 Wochen, bis die volle stimmungsaufhellende Wirkung eintritt. Eine Mindest-Einnahmedauer von 6 Wochen wird empfohlen.

07 Anwendung

Johanniskrauttee (innerlich)

Zubereitung: 2 Teelöffel getrocknetes Johanniskraut mit 200 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 10 Minuten ziehen lassen, abseihen.

Dosierung: 2–3 Tassen täglich über mindestens 4–6 Wochen.

Hinweis: Tee-Zubereitungen enthalten weniger Hyperforin als standardisierte Extrakte und sind daher für leichte Verstimmungen und als Begleitmaßnahme geeignet, bei manifester Depression aber nicht ausreichend dosiert.

Johanniskraut-Rotöl (äußerlich)

Zubereitung: Ein Schraubglas zu zwei Dritteln mit frischen Johanniskraut-Blütenknospen füllen. Mit hochwertigem Olivenöl auffüllen, bis alle Blüten bedeckt sind. Das Glas verschließen und 6 Wochen an einem sonnigen Fenster stehen lassen. Täglich einmal schütteln. Das Öl färbt sich innerhalb einer Woche tiefrot. Nach 6 Wochen durch ein Tuch abseihen und in dunkle Glasflaschen füllen.

Anwendung: Direkt auf Wunden, leichte Verbrennungen, Sonnenbrand, Nervenschmerzen und Hautirritationen auftragen. Bei Rückenschmerzen und Neuralgien als Massageöl verwenden.

Johanniskraut-Tinktur (innerlich)

Zubereitung: 30 g getrocknetes Johanniskraut in 150 ml Alkohol (50–60 %) einlegen, 3 Wochen ziehen lassen, abseihen.

Dosierung: 30–40 Tropfen in etwas Wasser, 3-mal täglich.

Johanniskraut-Ölwickel (äußerlich)

Zubereitung: Ein Baumwolltuch mit warmem Rotöl tränken und auf die schmerzende Stelle legen. Mit einem trockenen Tuch und einem Wolltuch abdecken. 30–60 Minuten einwirken lassen.

Anwendung bei: Neuralgien, Ischiasbeschwerden, rheumatische Schmerzen, Hexenschuss.

08 Sicherheit

Kontraindikationen:

  • Schwere Depression (nur ärztlich betreute Therapie, Johanniskraut als Tee/Tinktur nicht ausreichend)
  • Bipolare Störung (Gefahr der Manie-Auslösung)
  • Nicht bei Kindern unter 12 Jahren
  • Nicht bei bekannter Lichtüberempfindlichkeit

WICHTIG – Wechselwirkungen: Johanniskraut ist einer der stärksten pflanzlichen Induktoren des Cytochrom-P450-Enzymsystems (CYP3A4, CYP2C9) und des P-Glykoproteins. Es beschleunigt den Abbau zahlreicher Medikamente und kann deren Wirksamkeit drastisch reduzieren:

  • Orale Kontrazeptiva (Antibabypille): Wirkungsverlust, ungewollte Schwangerschaften dokumentiert
  • Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus): Organabstoßung möglich
  • HIV-Proteaseinhibitoren: Therapieversagen
  • Blutgerinnungshemmer (Warfarin, Phenprocoumon): verminderte Wirkung
  • Antidepressiva (SSRI): Gefahr eines Serotonin-Syndroms bei Kombination
  • Digoxin, Theophyllin, Antiepileptika: verminderte Wirkung

Photosensibilisierung: Johanniskraut erhöht die Empfindlichkeit der Haut gegenüber UV-Strahlung. Intensive Sonnenexposition und Solariumbesuche während der Einnahme vermeiden. Hellhäutige Personen sind stärker betroffen.

Schwangerschaft & Stillzeit: Von der Einnahme wird abgeraten – unzureichende Sicherheitsdaten. Äußerliche Anwendung von Rotöl nach Rücksprache mit der Hebamme möglich.

09 Volksheilkunde & Geschichte

Kaum eine Pflanze ist so tief in der europäischen Mythengeschichte verwurzelt wie das Johanniskraut. Der Name verweist auf Johannes den Täufer – die Pflanze blüht um seinen Gedenktag (24. Juni) und das austretende Rot symbolisiert sein vergossenes Blut.

Im Volksglauben galt Johanniskraut als mächtiges Schutzkraut gegen böse Geister, Dämonen und Hexen – daher der Name „Hexenkraut” oder „Fuga daemonum” (Teufelsflucht). Am Johannisabend wurden Johanniskrautsträuße über die Türen gehängt und in die Ställe gelegt. Paracelsus (16. Jh.) erkannte als erster die „antidepressive” Wirkung: Er empfahl es bei „Phantasmata” – Wahnvorstellungen und Trübsinn, die man damals als Werk des Teufels deutete.

Die Signaturenlehre sah im Johanniskraut die perfekte Sonnenpflanze: Die goldgelben Blüten um die Sonnenwende, die durchscheinenden Blattdrüsen (die „Löcher” des heiligen Johannes) und das blutrote Öl machten es zum Inbegriff der Licht- und Lebenskraft. In der Volksmedizin des Alpenraums wurde das Rotöl „Herrgottsblut” genannt und bei Wunden, Verbrennungen und Nervenschmerzen aufgetragen.

Hildegard von Bingen erwähnt Johanniskraut nur am Rande, doch in den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts (Bock, Fuchs, Matthiolus) nimmt es einen zentralen Platz ein. Hieronymus Bock (1539) empfahl es als „das alleredelste Wundkraut” und berichtete von bemerkenswerten Heilungen bei Verbrennungen und Schwertschnittwunden.

Die moderne Wiederentdeckung als Antidepressivum begann in den 1980er Jahren in Deutschland. Heute ist Johanniskraut-Extrakt in Deutschland das meistverordnete Antidepressivum überhaupt – noch vor synthetischen SSRI.

10 Querverweise

Ätherische Öle: Johanniskrautöl / Rotöl – das legendäre rote Öl, gewonnen durch Mazeration frischer Blüten in Olivenöl

Hausmittel: Rotöl – klassisches Hausmittel für Wunden, Verbrennungen und Nervenschmerzen

Verwandte Kräuter: Baldrian (ergänzend bei Schlafstörungen durch depressive Verstimmung), Melisse (mildere Alternative bei leichter Verstimmung), Lavendel (ergänzend bei Angstkomponente)

Heilsteine: Citrin – der „Sonnenstein” wird traditionell bei Gemütsverdunkelung mit Johanniskraut kombiniert

Häufig gestellte Fragen

Wofür wird Johanniskraut verwendet?
Johanniskraut (Hypericum perforatum) wird traditionell bei depressive verstimmung, einschlafprobleme, unruhe eingesetzt. Die Pflanze aus der Familie der Johanniskrautgewächse (Hypericaceae) wirkt stimmungsaufhellend, antidepressiv, wundheilend.
Wie wird Johanniskraut angewendet?
Johanniskraut kann als Tee, Tinktur oder äußerlich als Salbe bzw. Umschlag angewendet werden. Die genaue Dosierung und Zubereitungsform richtet sich nach dem Anwendungsgebiet. Beachte die Hinweise im Abschnitt Anwendung der Monografie.
Welche Nebenwirkungen hat Johanniskraut?
Bei bestimmungsgemäßer Anwendung sind Nebenwirkungen selten. Personen mit bekannten Allergien gegen Johanniskrautgewächse (Hypericaceae) sollten vorsichtig sein. In der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern sollte vor der Anwendung ein Arzt konsultiert werden.

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