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Heilpflanze

Kamille

Matricaria chamomilla

Die Echte Kamille zählt zu den bekanntesten und vielseitigsten Heilpflanzen Europas. Seit Jahrtausenden geschätzt, vereint sie entzündungshemmende, krampflösende und beruhigende Eigenschaften in einer einzigen Pflanze.

Familie

Korbblütler (Asteraceae)

Eigenschaften

entzündungshemmend, krampflösend, beruhigend

Botanische Illustration Kamille (Matricaria chamomilla) – Heilpflanze bei magenschmerzen und blaehungen
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Ernte & Mondphasen

Kamillenblüten bei Vollmond oder zunehmendem Mond an einem Blütetag (Luft-Zeichen) ernten – der Gehalt an ätherischen Ölen ist dann am höchsten.

Vollmond oder zunehmender Mond, Blütetag

01 Einleitung

Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) gehört zu den ältesten und am besten erforschten Heilpflanzen der europäischen Volksmedizin. Bereits die alten Ägypter weihten sie dem Sonnengott Ra, und im Mittelalter galt sie als eine der neun heiligen Kräuter der Angelsachsen. Ihr Name leitet sich vom griechischen „chamaimelon” ab – „Erdapfel” – wegen des apfelartigen Dufts der frischen Blüten.

Was die Kamille so besonders macht: Sie ist gleichzeitig sanft genug für Säuglinge und wirksam genug, um Entzündungen, Krämpfe und Hautirritationen spürbar zu lindern. Kaum eine andere Pflanze vereint so viele Anwendungsgebiete in sich – von Magen-Darm-Beschwerden über Hautprobleme bis hin zu nervöser Unruhe.

02 Botanische Merkmale

Die Echte Kamille ist eine einjährige, krautige Pflanze, die 20–50 cm hoch wird. Ihr aufrechter, stark verzweigter Stängel trägt fein gefiederte, fadenförmige Blätter, die wechselständig angeordnet sind.

Blütenköpfchen: Die charakteristischen Blütenkörbchen bestehen aus weißen Zungenblüten am Rand und gelben Röhrenblüten in der Mitte. Ein sicheres Erkennungsmerkmal ist der hohle, kegelförmige Blütenboden – schneidet man das Köpfchen längs durch, zeigt sich ein deutlicher Hohlraum. Dieses Merkmal unterscheidet die Echte Kamille zuverlässig von der geruchlosen Strahlenlose Kamille und der Hundskamille.

Geruch: Intensiv aromatisch, süßlich-krautig mit dem typischen „Kamillenduft”. Beim Zerreiben der Blüten verstärkt sich der Geruch deutlich.

Verwechslungsgefahr: Die Hundskamille (Anthemis cotula) sieht ähnlich aus, hat aber einen vollen (nicht hohlen) Blütenboden und riecht unangenehm. Die Strahlenlose Kamille (Matricaria discoidea) hat keine weißen Zungenblüten.

03 Standort & Verbreitung

Die Echte Kamille ist in ganz Europa, Westasien und Nordafrika heimisch. In Mitteleuropa wächst sie häufig an Wegrändern, auf Äckern, Brachflächen und in Gärten. Sie bevorzugt nährstoffreiche, lehmige bis sandige Böden in sonniger Lage.

Als Kulturfolger gedeiht sie besonders gut auf gestörten Böden – Ackerränder, Schuttplätze und frisch umgegrabene Gartenbeete. Wild wachsende Kamille findet man von Mai bis September in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Anbau im Garten: Die Kamille ist genügsam und pflegeleicht. Aussaat im Frühjahr (März–April) direkt ins Freiland, Lichtkeimer – Samen nur andrücken, nicht bedecken. Abstand 20–25 cm. Sie sät sich leicht selbst aus.

04 Ernte & Sammlung

Erntezeit: Mai bis August, idealerweise bei trockenem Wetter am späten Vormittag, wenn der Morgentau abgetrocknet ist.

Pflanzenteil: Ausschließlich die Blütenköpfchen, kurz nach dem vollständigen Aufblühen geerntet – wenn die weißen Zungenblüten waagerecht stehen oder leicht nach unten zeigen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Gehalt an ätherischem Öl am höchsten.

Trocknung: An einem schattigen, luftigen Ort bei maximal 40 °C trocknen. Die Blüten in dünner Schicht auf einem Gitter oder Tuch ausbreiten und regelmäßig wenden. Trocknungsdauer: 5–10 Tage.

Haltbarkeit: In luftdichten, lichtgeschützten Gefäßen (dunkles Glas oder Papiertüten) bis zu 1 Jahr haltbar. Bei Verlust des typischen Dufts hat die Kamille ihre Wirksamkeit verloren.

05 Inhaltsstoffe

WirkstoffgruppeHauptvertreterGehalt
Ätherisches Ölα-Bisabolol, Chamazulen, Bisabololoxide0,3–1,5 %
FlavonoideApigenin, Luteolin, Quercetin1–3 %
CumarineUmbelliferon, HerniarinSpuren
SchleimstoffeGalacturonan-Polysaccharide3–10 %
PhenolcarbonsäurenKaffeesäure, ChlorogensäureSpuren

Chamazulen entsteht erst bei der Wasserdampfdestillation aus dem farblosen Matricin und verleiht dem ätherischen Kamillenöl seine charakteristische tiefblaue Farbe. Es ist einer der stärksten natürlichen Entzündungshemmer.

Apigenin, das wichtigste Flavonoid der Kamille, bindet an GABA-Rezeptoren im Gehirn und erklärt die beruhigende und leicht angstlösende Wirkung.

06 Pharmakologie

Die Kamille wirkt über mehrere Mechanismen gleichzeitig:

Entzündungshemmend: α-Bisabolol und Chamazulen hemmen die Cyclooxygenase (COX-2) und die Lipoxygenase, wodurch die Bildung entzündungsfördernder Prostaglandine und Leukotriene reduziert wird. Studien zeigen eine vergleichbare Wirkstärke zu 0,25 % Hydrocortison bei leichten Hautentzündungen.

Krampflösend: Die Flavonoide, insbesondere Apigenin, wirken spasmolytisch auf die glatte Muskulatur des Magen-Darm-Trakts. Klinische Studien belegen eine signifikante Reduktion von Bauchkrämpfen bei Reizdarmpatienten.

Beruhigend: Apigenin bindet an Benzodiazepin-Rezeptoren (GABA-A) und erzeugt eine milde sedierende Wirkung – ohne die Nebenwirkungen synthetischer Beruhigungsmittel. Eine Studie der University of Pennsylvania (2016) zeigte signifikante Reduktion von Angstsymptomen.

Wundheilungsfördernd: Die Schleimstoffe bilden einen Schutzfilm auf Wunden und Schleimhäuten. α-Bisabolol fördert die Granulation und beschleunigt den Wundverschluss.

07 Anwendung

Kamillentee (innerlich)

Zubereitung: 1–2 gehäufte Teelöffel getrocknete Kamillenblüten mit 200 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 10 Minuten ziehen lassen, abseihen.

Dosierung: 3–4 Tassen täglich zwischen den Mahlzeiten.

Anwendung bei: Magenschmerzen, Blähungen, leichte Krämpfe, Sodbrennen, Unruhe, Einschlafprobleme.

Kamillendampfbad (äußerlich)

Zubereitung: 3–4 Esslöffel getrocknete Kamillenblüten in eine Schüssel geben, mit 1 Liter kochendem Wasser übergießen. Kopf über die Schüssel halten, mit einem Handtuch abdecken, 10 Minuten inhalieren.

Anwendung bei: Schnupfen, Sinusitis, unreine Haut, Erkältung.

Kamillen-Umschlag (äußerlich)

Zubereitung: Starken Kamillentee zubereiten (3 EL auf 250 ml), abkühlen lassen. Ein sauberes Tuch tränken und auf die betroffene Stelle legen.

Anwendung bei: Wunden, Ekzeme, Hautirritationen, Insektenstiche.

Kamillen-Sitzbad

Zubereitung: 50 g getrocknete Kamillenblüten in 5 Liter heißem Wasser 15 Minuten ziehen lassen, abseihen und auf angenehme Temperatur abkühlen.

Anwendung bei: Hämorrhoiden, Analekzeme, Entzündungen im Intimbereich.

Kamillentinktur

Zubereitung: 20 g getrocknete Kamillenblüten in 100 ml Alkohol (40–60 %) einlegen, 2 Wochen an einem dunklen Ort ziehen lassen, täglich schütteln, abseihen.

Dosierung: 20–30 Tropfen in etwas Wasser, bis zu 3-mal täglich.

08 Sicherheit

Kontraindikationen:

  • Allergie gegen Korbblütler (Asteraceae) – betrifft auch Arnika, Ringelblume, Schafgarbe, Beifuß
  • Nicht am Auge anwenden (kann reizen)
  • Kamillentee nicht mit Eisenpräparaten kombinieren (hemmt die Aufnahme)

Kreuzallergien: Personen mit bekannter Beifuß-Allergie oder Sellerie-Karotten-Gewürz-Syndrom reagieren häufiger auf Kamille. Beim ersten Gebrauch auf Hautreaktionen achten.

Schwangerschaft & Stillzeit: Kamillentee in üblichen Mengen (2–3 Tassen/Tag) gilt als sicher. Kamillenöl in der Schwangerschaft nur nach Rücksprache mit der Hebamme/Ärztin.

Kinder: Kamillentee ab dem 6. Lebensmonat in verdünnter Form möglich. Äußerliche Anwendung als Badezusatz ab dem Neugeborenenalter.

Wechselwirkungen: Kamille kann die Wirkung von Blutverdünnern (Cumarin-Derivate) verstärken. Bei gleichzeitiger Einnahme von Beruhigungsmitteln kann die sedierende Wirkung addiert werden.

09 Volksheilkunde & Geschichte

Die Kamille blickt auf eine über 5000 Jahre alte Nutzungsgeschichte zurück. Die alten Ägypter weihten sie dem Sonnengott Ra und nutzten sie zur Einbalsamierung. Im antiken Rom empfahl Dioskurides sie bei Blasenleiden und Kopfschmerzen.

In der germanischen Tradition gehörte die Kamille zu den neun heiligen Kräutern des „Neunkräutersegens” (angelsächsisches Manuskript, 10. Jh.). Im Mittelalter war sie fester Bestandteil jedes Klostergartens – der Abt von Reichenau, Walahfrid Strabo, beschrieb sie im 9. Jahrhundert in seinem „Hortulus”.

Die Signaturenlehre des Paracelsus ordnete die Kamille der Sonne zu – ihre strahlenförmigen weißen Blütenblätter um den goldenen Kern galten als Abbild der Sonne. Daher wurde sie traditionell bei „Sonnenkrankheiten” eingesetzt: Fieber, Entzündungen und Hautrötungen.

In der bayerischen und österreichischen Volksmedizin gehört Kamillentee noch heute zum Standardrepertoire jeder Hausapotheke. Das Sprichwort „Kamillentee hilft immer” spiegelt die tiefe Verwurzelung im Alltagswissen wider.

10 Querverweise

Ätherische Öle: Kamillenöl – gewonnen aus den Blütenköpfchen, tiefblau gefärbt durch Chamazulen

Hausmittel: Kamillentee – das bekannteste Hausmittel der deutschen Volksmedizin

Verwandte Kräuter: Ringelblume (gleiche Familie, ergänzende Wirkung bei Wundheilung), Schafgarbe (gleiche Familie, ähnliche krampflösende Wirkung)

Heilsteine: Amethyst – traditionell ergänzend bei Unruhe und Schlafproblemen eingesetzt

Häufig gestellte Fragen

Wofür wird Kamille verwendet?
Kamille (Matricaria chamomilla) wird traditionell bei magenschmerzen, blaehungen, unreine haut eingesetzt. Die Pflanze aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae) wirkt entzündungshemmend, krampflösend, beruhigend.
Wie wird Kamille angewendet?
Kamille kann als Tee, Tinktur oder äußerlich als Salbe bzw. Umschlag angewendet werden. Die genaue Dosierung und Zubereitungsform richtet sich nach dem Anwendungsgebiet. Beachte die Hinweise im Abschnitt Anwendung der Monografie.
Welche Nebenwirkungen hat Kamille?
Bei bestimmungsgemäßer Anwendung sind Nebenwirkungen selten. Personen mit bekannten Allergien gegen Korbblütler (Asteraceae) sollten vorsichtig sein. In der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern sollte vor der Anwendung ein Arzt konsultiert werden.

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